Aufgeschriebenes

meine besten seiten

* Aufgeschriebenes

Das Leben und ich (I)

Eine haarige Sache

Wie meistens vor dem Wochenende waren wir – Hanna und ich - wieder im Pankower Rathauscenter. Hanna hatte um neun ihren Termin bei ihrer Friseuse – oder sagt man heute Friseurin – egal, sie ließ sich jedenfalls ihre Haare machen. Dauert theoretisch eine halbe, praktisch ungefähr eine satte Stunde. Je nachdem wer sie in der Mache hat. Da wird unfassbar viel gequatscht. Daher kommt sicher die Aufforderung an besonders redselige Zeitgenossen: > hast du keinen Friseur, dem du das erzählen kannst?! <.

Auch ich bin heute bei meinem Friseur angemeldet. Alle sechs Wochen leiste ich mir diesen Luxus. Da fällt mir ein, auch Frisör ist möglich. Im selben Salon gleich rechts hat er seinen Frisierstuhl. Er fertigt ausschließlich Frisuren für Herren an. Also ein Spezialist in seinem Metier. Ich lasse erst seit zirka einem Jahr mein Haar bei ihm schneiden. Nach einem Test war auch Hanna der Meinung, dass ich ihm meinen Kopf anvertrauen darf. Ich habe gleich gemerkt, hier ist ein Spezialist am werken. In der Vergangenheit hatte ich meist nur Friseurinnen. Tut mir leid Mädels. Ihr habt euch bemüht, aber einen richtigen Herrenfriseur konntet ihr nicht ersetzen.

Wenn ich bei ihm auf dem Frisierstuhl sitze, fühle ich mich geborgen. Da kommt keine bange Erwartung auf, bezüglich des Ergebnisses der frisiertechnischen Behandlung meines Kopfhaares. Da wird man nicht zugequatscht. Dezent wartet mein Friseur bis ich zuerkennen gebe,dass ich zu einem Gespräch aufgelegt bin. Wenn nicht - können wir Männer nämlich auch mal schweigen. Und das tun wir dann auch ausgiebig. Ist das Kopfhaar gestutzt und in Form gebracht, die Ohrhaare entfernt und sind die Augenbrauen beschnitten, erfasst mich eine fast feierliches Gefühl. Nach zirka zwanzig Minuten zahle ich gerne die achtzehn Euro, die es seit Kurzem kostet, und gebe meinem Friseur zwei Euro sogenanntes Trinkgeld. Einen schönen Tag noch und bis bald mal wieder...

© ot

***

 

Das Leben und ich (II)

 

Mann oh Mann…

Wir, Hanna und ich, sind wieder mal auf dem Weg zum Rathauscenter Pankow. Denn dort arbeitet Hanna‘s Friseuse ihrer Wahl. Hanne hat Haarprobleme. Und so ihre eigenen Vorstellungen von Haarpflege und Frisur. Damit treibt sie nicht nur mich an den Rand des Wahnsinns. Auch die zahlreichen Friseurinnen, die sie bisher ausprobiert hat, sind nahezu verzweifelt. Was ihre Frisur angeht ist sie beratungsresistent. Mir hat sie das Mitspracherecht dafür, wie auch das bei der Kleiderwahl, vorsorglich schon zu Beginn unserer Beziehung entzogen. Das heißt nicht, dass ich nicht gelegentlich nach meiner Meinung gefragt werde. Doch ich verliere immer. Der einzige Mensch auf den sie gelegentlich hört ist ihre Freundin Reni. Das heißt nun nicht, dass sie mir die gleichen Rechte zugesteht. Gern hat sie mal die mich bedienenden Friseure darüber beraten, wie sie meinen Kopfschmuck gerne sehen möchte. Auch in Kleidungsfragen höre ich immer wieder Einwände, wie: >das kannst du nicht tragen, du bist doch keine dreißig mehr<. Das hilft mir nicht. Schwiegertochter Biggi, die ihren Vater beim Bekleidungskauf berät, räumt sie keine Beraterfunktion für mich ein. "Wolfgang, Biggi‘s Vater, wäre doch ein ganz anderer Typ und außerdem viel größer. Das ist ja mal wieder eine Begründung. Es ist wie es ist. Alles bleibt so wie es ist. Für die großen Fragen bin ich zuständig – für die kleinen Fragen meine Hanna. Wir hatten bisher nur kleine Fragen zu klären. Na, geht doch.

 

Man liest sich wieder...

© ot

***

Das Leben und ich (III)

Fitness-Typen...

Seit gefühlte fünf Jahre gehe ich relativ regelmäßig in meiner Nähe in die Fitnessgalerie . Und das ist so gekommen: Vor den gefühlten fünf Jahren empfahl mir meine mich behandelnde Orthopädin, ein Angebot der Krankenkasse zu nutzen und am Reha-Sport teilzunehmen. Fünfzig Anwendungen müssten im Zeitraum von 18 Monate absolviert werden. Ich überlegte und kam zu dem Schluss, das müsste zu schaffen sein. Lange Rede kurzer Sinn, ich besorgte mir das Rezept und meldete mich in der Fitnessgalerie an.

In der Folge habe ich zwei Rezepte abgearbeitet. Danach bin ich Mitglied der Fitnessgalerie geworden und bin es bis heute. Für vierzig Euro im Monat kann ich dreimal in der Woche an der Wirbelsäulengymnastik teilnehmen, unbegrenzt tagtäglich die Fitnessgeräte und die Sauna nutzen. Ich gehe regelmäßig und gern in meine Fitnessgalerie. Es hat sich ausgezahlt. Ich fühle mich leistungsfähiger und gesund. Selten plagt mich mal ein Zipperlein. Und das mit 78, gefühlte 55. Das Ergebnis rechtfertigt den Aufwand, den ich finanziell und physisch betreibe.

Ich habe viele Freunde gefunden, die es mir gleichtun – oder denen ich es gleichtue. Aber da gibt es auch andere Akteure.

Immer wieder begegnet man Typen… von denen man meint, es gibt sie gar nicht oder nicht mehr.

- Da gibt es den Styler. Eine Spezis die großen Wert darauf legt immer gut auszusehen und gern teure und auffällige Trainingsklamotten trägt.

Neulich machte doch einer ein Foto von seinen neonfarbenen Sneakers. Dazu hat er eine beeindruckend schwer aussehende Hantel neben den Schuh aufgestellt. Verrückt!

Andere schießen beim Walken auf dem Laufband Selfies. Die schicken sie sicher den Sportmuffel unter ihren Freunden.

- Der Übermotivierte. Er hetzt wie verrückt von einer Station zur anderen. Hier einige wenige Armzüge, dort fünf Beinbeuger, rüber zur Bauchmuskelmaschine, dann Latissimusrudern im Sitzen, Beinpresse, Wagenheber, Hyperextension (trainieren den Rückenstrecker und geringermaßen den Gesäßmuskel und den Beinbeuger) und auch Wadenheben im Sitzen usw. usf. Er übernimmt sich völlig und ist obendrein noch beratungsresistent. Sein Umfeld nimmt er wohl nur im Unterbewusstsein war. Er trägt überdimensionale Kopfhörer und ist zwischen den Übungen ständig mit seinem Tablet beschäftigt.

- Der Poser – wenn auch nur eine kleine Anzahl – gibt es ebenfalls. Nicht mit dem Styler verwechseln. Er schießt nur selten Fotos. Dafür sieht er sich gerne selbst im Spiegel bei seinen Übungen zu. Er braucht den Zuschauer, wie die Luft zum Atmen. Ständig überzeugt er sich mit unstetem Blick, ob er auch genügend Publikum hat.

- Die Rudeltrainierer findet man auch. Diese Typen sind in der Regel sehr jung und immer mit mindestens zwei gleichaltrige und, gleichgeschlechtlichen Freunden unterwegs. Die Gruppe, egal ob männlich oder weiblich, besetzt dann gerne ein Gerät für mindestens eine halbe Stunde. Einer trainiert, die anderen stehen daneben und blödeln. Dann wird gewechselt. Nicht besonders effizient, aber für junge Menschen wird der Gang ins Fitness-Studio so zu einem sozialen Event.

- Der Ausdauernde besetz über Stunden ein Laufband, einen Crosstrainer oder ein Rad und liest oder schaut dabei unbeeindruckt auf den großen Flachbildschirm in der Ecke, auf dem irgendeine Werbung oder Studioinformationen laufen. Er verändern weder sein Tempo, noch seine Mimik und geht danach so entspannt wieder raus, als hätte er den Tag auf dem Sofa verbracht. Wahlweise hört er auch über teure, überdimensional große Kopfhörer stundenlang Musik.

- Der Blender. Eine besondere Erscheinung. Hin und wieder erwischt man ihn dabei, wenn er nach Beendigung seiner Übung ein höheres Gewicht einstellen und sich trollen. Was das soll weiß kein Mensch. Vielleicht soll der, der nach ihm das Gerät nutzt, das Gefühl bekommen, dass er mit seiner Minibelastung eine Pflaume ist? Ich weiß es nicht. Wenn ich mal wieder einen erwische werde ich ihn fragen.

- Der Kommunizierer. Er hält andere vom Training ab in dem er ellenlange Gespräche anzettelt und quatsch jeden zu, der sich darauf einlässt. Nach ein bis zwei Alibiübungen verschwind er dann wieder.

-Und dann noch der High-Tech-Freak. Mit Bluetooth-Kopfhörer schirmt er sich von der Außenwelt ab. An einer Vorrichtung am Oberarm klemmt ein Smartphone, am Gürtel hängen kleine Fläschchen und ein Tablet sagt ihm, wie viele Kalorien er schon verbraucht hat. Auch eine Tabelle, in der die durchschnittliche Anzahl Liegestütze und Hebungen der letzten Wochen aufgeführt ist, ist auf dem Display zu sehen. Der High-Tech-Fitness-Fan ist sichtlich stolz auf sein Analyse-Labor. Er spricht während seines Aufenthalts mit niemandem – nur ganz am Schluss steckt er der Aufsicht in gedämpfter Stimme seine Spitzenwerte und verschwindt dann zufrieden in die Umkleide.

Tschüss, ich gehe jetzt in die Sauna…da gibt es auch so manchen Typ... aber dazu später.

Man liest sich wieder...

© ot

***

 

Wenn ein Spiegel zerbricht …? (IV)

 

Es ist ein Brauch beim Polterabend, mitgebrachtes Porzellangeschirr vor der Tür des Brautpaares zertrümmern. Durch den Lärm sollen böse Geister vertrieben werden. Damit es wirkt muss das Brautpaar die Scherben gemeinsam zusammenfegen, Ein symbolischer Akt der zeigen soll, dass sie in der Ehe Probleme gemeinsam lösen werden. Aber nur wenn Porzellan zerbricht.

Spiegelscherben sollen allerdings sieben Jahre Pech bringen. Aber nur, wenn man abergläubisch ist. Dann weiß man, dass ein Spiegel die Seele des Hineinschauenden beherbergt. Zerbricht der Spiegel, zerbricht auch die Seele. Und da die Seele sieben Jahre brauchen um wieder zu heilen, hat der unglückliche Schuldige eben sieben Jahre Pech.

Einige Abergläubische haben sich aber noch ein Hintertürchen ausgedacht. Sie glauben, wenn man die Spiegelscherben um Mitternacht an der dunkelsten Stelle im Garten vergräbt, soll das Unglück noch abzuwenden sein. Man muss nur fest daran glauben. Als Kind habe ich einmal einen Spiegel zerbrochen und auch gleich die Scherben entsorgt. Meine Großmutter meinte, ich hätte das nicht tun sollen und die Scherben erst nach sieben Stunden entfernen sollen. Jetzt hätte ich sieben Jahre Pech.

Jahrelang habe ich, immer wenn etwas schiefging, an den zerbrochenen Spiegel gedacht. Es ist mir schwergefallen, die Behauptung meiner Großmutter als Aberglaube abzutun. Schon immer haben die Menschen dem Spiegel mit Ehrfurcht gegenübergestanden und sich Fragen gestellt.

- Erinnerungen sind wie Scherben eines Spiegels – eben Lebensscherben. -Wenn ein Spiegel zerbricht, zerfällt dann auch das zuletzt gespiegelte Bild

- lässt es sich zusammensetzen aus den Scherben? Nur selten gelingt es auf Anhieb sie passend zusammenzusetzen.

Vieles bleibt Fragment und ohne richtige Bindung zum Ganzen.

Teile fehlen – sind unwiederbringlich!

Eigentlich schade - finde ich.

***

© ot